Der Spielmannszug des TSV-Gersthofen - Ein historischer Rückblick

Zusammengefaßt von Dr. Gerhard Schenkirsch



Man schrieb das Jahr 1955, als sich eine Handvoll Turner des TSV-Gersthofen zusammenfand, um einen Spielmannszug ins Leben zu rufen. Dieser Gedanke lag gar nicht so fern, denn gerade zu dieser Zeit gab es in und um Augsburg schon einige dieser attraktiven Musikgruppen, die mit ihren schmissigen Klängen nicht nur bei Turnfesten auf große Resonanz stießen. Daneben war auch ein gewisser finanzieller Aspekt nicht von der Hand zu weisen, denn Musikkapellen sind damals teuer gewesen. Daher wurden bei Turnfesten zuerst die Wettkämpfe ausgetragen und im Anschluß daran spielten die Turner selbst zur Unterhaltung auf.

Gesagt, getan: nach einigen geheimen Sitzungen wurde schließlich am 17. Mai 1955 der Spielmannszug des TSV-Gersthofen offiziell aus der Taufe gehoben; zunächst nur in der Besetzung mit Trommeln und Flöten und unter der musikalischen Leitung von Rudolf Brem. Dieser hat als Tambourmajor über vier Jahrzehnte hinweg stets in vorbildlicher Weise den Takt angegeben und marschiert bis heute dem Spielmannszug voraus. Daneben sind als Männer der ersten Stunde zu erwähnen: Richard Eberl, Hermann Eichner, Fritz Enßlin, Paul Kastenhofer, Dieter Lindenmaier, Alois Magg, Walter Maier, Alfred Müller, Manfred Schell, Siegfried Spannring, Hans Strempfl und Heinz Wallisch.

Die Ausbildung erfolgte zunächst durch Musiker vom damaligen Spielmannszug Augusta Augsburg. Bereits 1956 konnten die ersten Auftritte bestritten werden, worunter als Höhepunkt die Teilnahme am Landesturnfest in Bamberg anzusehen ist. Ein Geheimnis der jungen Spielleute blieb für lange Zeit, daß das Repertoire nur aus drei Märschen bestand, auf die man jedoch schon mächtig stolz war. Erwähnenswert ist darüberhinaus die damalige Uniform, welche sich bis 1957 aus blauen Hemden, schwarzen, kurzen Cordhosen, grauen Kniestrümpfen und braunen Schuhen zusammensetzte.

Zusammmen mit der Beitrittserklärung mußten auch einige turnerische Übungen beherrscht werden. Die enge Verbundenheit zur Turnabteilung, welcher der Spielmannszug knapp 30 Jahre lang angehörte, sollte dadurch besonders hervorgehoben werden.

Jahre später wurde diese Aufnahmevoraussetzung aufgehoben. Ebenso wurde seit Frühjahr 1998 eine weitere Aufnahmerestriktion gelockert, denn bis zu diesem Zeitpunkt war der Spielmannszug des TSV-Gersthofen eine reine Männersache. Wegen des seit längerer Zeit bestehenden Nachwuchsmangels, vor allem im Flötenregister, wurden erstmals Mädchen aufgenommen. Zunächst die Töchter von aktiven Musikern, die bald darauf Unterstützung von gleichaltrigen Kameradinnen bekamen.

Traditionspflege:

Dagegen hat sich an der Treue sowohl zur weißen Turneruniform, als auch zu der traditionellen Besetzung, welche vier Jahre nach der Gründung mit Fanfaren und Lyren komplettiert wurde, nichts geändert.

Die Anfangsjahre standen ganz im Zeichen des Übens, Feilens und Schleifens, wodurch das Musikgut innerhalb von zehn Jahren auf 25 Märsche angestiegen ist. Das ist etwa die Hälfte des heutigen Programms. Neben sehr alten Märschen lassen sich darunter auch eine ganze Reihe moderner Arrangements zeitgenössischer Komponisten finden. Und das ist um so bemerkenswerter, da das gesamte Repertoire nach wie vor stets auswendig zum Vortrag kommt. In ähnlicher Weise hat sich die Anzahl der Auftritte mit jährlich etwa 15 in den 60er Jahren auf über das doppelte im Jahr 1994 gesteigert. Weil unbedingt gewünscht, mußte sich der Klangkörper in der Vergangenheit sogar gelegentlich teilen, um allen Verpflichtungen nachzukommen. Wochenenden mit drei und mehr Auftritten sind auch zur Zeit keine Seltenheit.

Nicht mehr wegzudenken ist der Spielmannszug bei Turn- oder Musikfesten, Eröffnungen, Einweihungen und Jubiläumsfeiern, Straßenfesten, Feuerwehr-, Schützen- und Trachtenfesten, Festumzügen oder Standkonzerten. Diese Aufzählung könnte noch lange weitergehen und mündet in alljährlich wiederkehrenden Veranstaltungen: beginnend mit Neujahrsempfängen, und den KOL-LA-Sitzungen und endend mit dem Martinsumzug in Augsburg/Oberhausen sowie dem Bühnenschauturnen der TSV-Turnabteilung, bei welchen der Spielmannszug seit Jahren ein obligater Mitwirkender ist.

Internationales Engagement:

Dies alles zeugt von einer Vielseitigkeit, die nicht nur in der näheren Umgebung großen Anklang findet. Auch in verschiedenen Teilen Bayerns, wie dem Allgäu, in Oberbayern oder dem Frankenland, darüberhinaus in Baden-Württemberg, beim Deutschen Weinfest in Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz) und auch im benachbarten Ausland wie zum Beispiel in Österreich oder Gersthofens Partnerstadt Nogent (Frankreich) sind die Mannen um Rudolf Brem längst keine Unbekannten mehr. Einige Spielkameraden haben sogar schon zusammen mit dem "Landesorchester der Musikzüge im Bayerischen Turnverband" bei der "Steuben-Parade" in New York mitgewirkt. Früh übt sich, wer ein Meister werden will:

Die Erfolgsserie begann 1962 mit dem Turnfestsieg beim Gauturnfest in Prittriching und setzte sich im darauffolgenden Jahr beim Gauturnfest in Meitingen sowie beim Musikfest in Bobingen mit jeweils ersten Platzierungen fort. Mit einem "Hattrick" als Sieger beim Bezirksturnfest 1964 in Gersthofen, 1967 in Lauf/Pegnitz sowie in Neuburg/Donau konnte der von der damaligen Marktgemeinde Gersthofen gestiftete Wanderpokal endgültig in den Besitz der Gersthofer Spielleute gebracht werden. Es dauerte dann noch drei Jahre, bis sich auch auf höherer Ebene ein Erfolg einstellte: beim Bayerischen Landesturnfest in Ingolstadt wurde die Leistung der Gersthofer Turnermusiker unter 20 teilnehmenden Zügen mit einem ersten Rang mit Auszeichnung und sukzessive mit dem Ehrenbrief der Stadt Gersthofen honoriert.

Doch damit ist die Erfolgsbilanz noch lange nicht zu Ende: Beim Deutschen Turnfest 1973 in Stuttgart errang der TSV-Gersthofen von 168 gemeldeten Musikgruppen bei den Spielmannszügen den ersten Platz in der Höchststufe und wurde damit "Deutscher Meister". Daß dieser, in der Vereinsgeschichte herausragende Titel bis heute nicht verteidigt werden konnte, liegt an der neuen Kleiderordnung des Deutschen Turnerbundes (weißes Hemd, roter Binder, blaues Sakko, graue Hose und schwarze Schuhe), die man in Gersthofen aus Praktikabilitäts- und Kostengründen nicht übernehmen konnte. Daher blieb die Teilnahme an den folgenden Turnfesten auf Bundesebene bis heute verwehrt.

Aber trotzdem konnte der hohe Standard erhalten werden. Das beweisen die Wertungen, die auf Landesebene seitdem zuteil wurden. Stets in der höchsten Leistungsstufe spielend, konnte bei den Bayerischen Turnfesten 1982 in Coburg und 1986 in Memmingen jeweils souverän der erste Rang mit Auszeichnung gesichert werden. Als Anerkennung dafür zeichnete der TSV-Gersthofen seine seit 31.1.1984 selbständige Abteilung Spielmannszug mit dem Titel "Mannschaft des Jahres 1987" aus. Ein hervorragender erster Rang beim Österreichischen Bundesturnfest 1991 in Graz beweist, daß man sich auch außerhalb Deutschlands durchaus sehen lassen kann. Und die zuletzt jeweils in der Oberstufe errungenen Turnfestsiege, 1993 auf Landesebene in Ingolstadt und 1995 auf Bezirksebene in Monheim, läßt erkennen, daß sich das Aushängeschild des TSV keinesfalls auf Ruhmeslorbeeren ausruht.

Geselligkeit großgeschrieben:

Aber nicht nur die Erfolge, die den Fleiß und die Beharrlichkeit der Gersthofer Spielleute belohnt haben, tragen zum kameradschaftlichen Verhältnis unter den nunmehr 30 aktiven Musikern bei. Es sind auch die gemeinsamen Stunden während der jeden Dienstag stattfindenden Musikproben, bei Auftritten, Lehrgängen oder gemeinsamen Ausflügen, Grillfesten, Zeltlagern oder Hüttenaufenthalten bis hin zu den Jahresabschlußfeiern, die den Zusammenhalt der Spielleute unterschiedlichen Alters aufrechterhalten. Das jüngste Mitglied ist gerade mal sechs Jahre alt, das älteste immerhin 71 Jahre jung und Generationskonflikte gibt es da keine.

Am Ende dieses kurzen Abrisses aus der abwechslungsreichen sowie vielseitigen Vereinsgeschichte bleibt zu hoffen, daß sich die, seit geraumer Zeit bestehenden Nachwuchsprobleme etwas entschärfen, damit dieser beliebte Klangkörper auch in Zukunft das Publikum mit seinem Spiel erfreuen kann.
 

Gez. Dr. G. Schenkirsch

The End